Schnelle Wetterwechsel sind in den Bergen keine Seltenheit. Hier vertreibt die Morgensonne den Wolkenvorhang.

Schnelle Wetterwechsel sind in den Bergen keine Seltenheit. Hier vertreibt die Morgensonne den Wolkenvorhang.

17.10.2009 – unter Moschusochsen. Der Blick aus dem Fenster meiner Hütte beschert mir die Aussicht auf einen guten Tag. Nur langsam schiebt sich die Sonne träge über den Kamm des Hausberges hinter Furuhaugli. Fast unwirklich scheint das Blau des Himmels, während die Wolken wie gierige grauweiße Finger einer die Berge verschlingenden Hand die Abhänge herunter kriechen. In meinen Gedanken schwirrt jedoch noch die letzte Begegnung mit den Moschusochsen im Schneetreiben herum.

Ich denke zurück an den schweißtreibenden Aufstieg. Schneidend kalter Wind, der Schnee und dann die Begegnung mit den Moschusochsen. Nur einen Schatten zwischen zwei Felsen mache ich beim Blick durch das Fernglas aus. Erst rund 400 mühsame Schritte weiter am Rand des von Steinen, Wachholder und Schneelöchern gesäumten Bettes eines kleinen Bergbachs sehe ich die Tiere zwischen den Steinen und Felsbrocken liegen. Links auf dem Berg liegen Zwei. Wie sich später heraus stellen soll, sind es keine Zwei, sondern gut 550 Kilo Moschusochsenbulle, die wie ein kleiner Berg auf dem Hügel mitten im Schneetreiben liegen. Bevor mir dies klar wird, heißt es jedoch einen guten Platz zwischen den zahlreichen Felsen zu finden. Noch etwa 150 Meter sind es bis zu der kleinen Gruppe. Zwischen zwei Felsen findet mein Rucksack Platz. Während ich Kamera, das 400 Millimeter Objektiv und das Stativ zusammen baue, löst sich die Anspannung aus meinen inzwischen bestens durchbluteten Muskeln. Auch die Dampfwolke über mir, die ausnahmsweise einmal nicht von einer meiner geliebten Zigaretten stammt, wird langsam etwas dünner, nachdem ich meine Kleidung gelüftet habe. Jetzt noch ein Pulloverwechsel und dann bin ich bereit für die Begegnung mit den Bergbewohnern.

Schnee im Oktober ist auf dem Dovrefjell kein ungewohnter Anblick. Im Winter leben die Moschusochsen von trockenen Blättern, Knospen, Trieben, Rentierflechten und Trockengräsern.

Schnee im Oktober ist auf dem Dovrefjell kein ungewohnter Anblick. Im Winter leben die Moschusochsen von trockenen Blättern, Knospen, Trieben, Rentierflechten und Trockengräsern.

Langsam mache ich mich auf den Weg zu einigen Felsen, die näher an der Gruppe liegen. Immer wieder macht es der heran treibende Schnee schwer, eines der Tiere im Sucher der Kamera scharf zu bekommen. Also näher heran. Eine Kuh ist aufmerksam geworden und ich mache mich deutlich bemerkbar, indem ich um einen der Felsen herum spaziere und die Gruppe, die jetzt noch etwa 60 Meter entfernt ist anspreche. Etwa zehn Minuten bleibe ich an dem Felsen stehen, dann haben mich mehrere der neun Gruppenmitglieder deutlich ausgemacht und beginnen mich zu ignorieren. Eine Kuh, die kurz aufgestanden war, legt sich wieder hin. Ein Jungtier aus der Gruppe beginnt an den Zweigen einer Zwergweide zu knabbern. Auch der Bulle links auf dem Hügel legt seinen Kopf wieder in den Schnee, nachdem er mich offensichtlich als harmlos eingestuft hat. Ich will die im Schnee ruhende Gruppe nicht auf die Beine bringen, daher nähere ich mich nur langsam in Halbdeckung von zwei Felsen, die nur etwa 40 Meter von der Gruppe entfernt am Rand des Bachbettes aufragen. Kurz vor den beiden Felsen angekommen, werden zwei Kühe unruhig. Ich spreche die Tiere noch einmal an, rede dummes Zeug mit ihnen und das kleine Wunder geschieht. Beide Kühe wechseln einige Meter den Platz und legen sich wieder hin. Nur ein etwa zwei Jahre altes Jungtier steckt neugierig seine Nase hinter einem Felsen vor, hinter dem es vor dem Wetter Deckung genommen hat. Ruhig beziehe ich meinen Platz zwischen den beiden Felsen und lasse erst einmal die Anspannung von mir abfallen. Jetzt endlich ist es Zeit für die verdiente Zigarettenpause und die genieße ich ohne jede Reue. 40 Meter vor mir ruht die Gruppe mit sieben Kühen und zwei Kälbern. Links von mir lässt sich der Bulle nach einem Kontrollblick wieder in den Schnee sinken und ganz außen am Hügelhang liegen die beiden offensichtlich recht großen Tiere dicht beieinander.

Der Alte war mir bereits einmal als Schemen hinter einer Bergkuppe begegnet.

Der Alte war mir bereits einmal als Schemen hinter einer Bergkuppe begegnet.

Der Blick durch den Kamerasucher allerdings lässt mich stutzen. Irgendwie kann ich keinen zweiten Kopf ausmachen. Erst als ich meine Position verändere, indem ich mich ganz ruhig auf die andere Felsenseite begebe, sehe ich das ganze Ausmaß meines Irrtums. Es sind keine zwei Tiere. Es ist ein riesiger Bulle mit gut zweieinhalb Meter Körperlänge und rund 550 Kilo Gewicht. Bis etwa 400 Kilo sollen sie erreichen, die Moschusbullen. Dieser hier sprengt jedoch den Rahmen und könnte sogar noch leicht über 550 Kilo liegen. Head Guide Jens Erixon bestätigt mir später in einem Gespräch und bei der Sichtung der Bilder auf dem Laptop, dass es sich um einen alten Bekannten handelt, der tatsächlich zu den Schwergewichten seiner Art zählt. Es musste der Riese sein, dessen gewaltigen Buckel ich zuvor nur einmal hinter einem Hügelkamm ausmachte. Wie ein Fels liegt er fast regungslos. Nur hin und wieder zeigt eine leichte Drehung seines Kopfes, dass er durchaus seine Umgebung im Auge hat. Im Kamerasucher kann ich sehen, wie er den Blick kurz auf mich richtet. Dann schließt der gewaltige Alte seine Augen wieder und gleitet zurück in seinen Dämmerschlaf. Ab und an ein leises Schnaufen, leises Rascheln kleiner Zweige, die nebenher abgerupft werden, sonst dringt außer dem um die Felsen pfeifenden Wind, der den Schnee vor sich her treibt, kein Geräusch durch die Stille der Bergwelt auf dem Dovrefjell. Selbst das Geräusch der geschäftig erscheinenden E6, die sich als eine der wichtigsten Nord-Süd Verbindungen durch das Land zieht, ist weit hinter mir verklungen. Ich bin allein mit dem Wind, dem Schnee und den Moschusochsen. Fast muss ich mich zwingen, auf den Auslöser meiner Kamera zu drücken. Das leise Klicken klingt wie ein Fremdkörper in dieser Welt, die mich fast drei Stunden gefangen nimmt. Auch ich bin hier fremd, wird mir beim Anblick der vertraut vor sich hin dösenden Tiere klar. Trotzdem genieße ich die Zeit mit ihnen, darf fast mitten unter ihnen sein, ohne das von den hornbewehrten Tieren ein Hauch von Aggression oder gar Angst ausgeht. Fast scheint es, als wisse der mir nahe liegende Bulle von unserem körperlichen Ungleichgewicht, scheint es, als ob die Tiere wahrnehmen, dass keine bösen Absichten in der Begegnung mitschwingen.

Erfahrene alte Leitkühe führen die Gruppen der Moschusochsen.

Erfahrene alte Leitkühe führen die Gruppen der Moschusochsen.

Dem zunehmenden Schneetreiben, der langsam hinter den Bergen verschwindenden Sonne und der gezeigten Geduld der Tiere Tribut zollend, entscheide ich mich zum Abstieg. Noch einmal lasse ich meinen Blick über das im Wind wallende lange Deckhaar der Tiere in der kleinen Gruppe schweifen, suche noch einmal den Blick des Bullen vor mir und verabschiede mich von den Tieren. Nicht ohne tatsächlich danke zu sagen, sie meine Stimme hören zu lassen und ruhig zu winken. So ruhig, wie sie mich haben kommen lassen, so lassen mich die urigen Bergbewohner ziehen – zurück zu meinem Rucksack, der mein Gepäck aufnimmt und zu einem leichtfüßigen Abstieg, der mir gar nicht so schwer gefallen ist. Ich beschließe für heute auf einen Besuch bei den Moschusochsen zu verzichten und erst morgen wieder auf ihre Hochebene zu steigen. Für heute muss ein Spaziergang mit Kamera in Richtung Hausberg reichen. Ich will einmal sehen, was das Lesebuch Natur hier im Schnee hergibt.