Gerangel unter rivalisierenden Bullen gehört unter Moschusochsen zur Tagesordnung.

Gerangel unter rivalisierenden Bullen gehört unter Moschusochsen zur Tagesordnung.

25.10.2009 – Schnell ist die Zeit verflogen, die ich mir für das erste Treffen mit den Moschusochsen vom Dovrefjell genommen hatte. Zwei Wochen voller Erlebnisse mit den Tieren, Momente, in denen ich mir nicht sicher war wie die wilden Bergbewohner auf die unterschiedlichen Begegnungen reagieren und zwei Wochen Gelegenheit, einen Einblick in ihr Leben und ihre Verhaltensmuster zu erhalten.

Mancher Leser mag in den vorangegangenen Berichten den Eindruck erhalten haben, es sei eine Begegnung mit Tieren, die ein Zootieren ähnliches Verhalten zeigen. Der Eindruck allerdings trügt. Gruppen sind mir im Oktober grundsätzlich friedlich begegnet, zogen sich eher ein wenig zurück, als dass die Tiere aggressives Verhalten gezeigt hätten. Allein gehende Bullen zeigten eher Neugier, als Angriffslust, ließen allerdings auch erkennen, wer in der zerklüfteten Bergwelt Herr im Haus ist. Weder haben die Moschusochsen im Dovrefjell-Sunndalsfjell Nationalpark natürliche Fressfeinde, noch werden die Tiere hier bejagt. Auch die gewohnte Begegnung mit Menschen, die das Fjell der zotteligen Riesen besuchen, mag Einfluss auf das Verhalten der Tiere haben.

Rivalen friedlich beim Fressen vereint.

Rivalen friedlich beim Fressen vereint.

Unabdingbar muss allerdings eines Beachtung finden: Es sind Wildtiere, die mit unerwarteten Reaktionen aufwarten können. Bei meinen Begegnungen mit den zum Teil allein ziehenden Bullen, wie dem Alten, der seine Fährte bereits kurz hinter der alten Eisenbahnstation zieht, habe ich nicht nur auf das Verhalten der Bullen geachtet, sondern auch in dem hier noch stärker mit stämmigeren Birken bewachsenen Gelände auf eine Rückzugsmöglichkeit geachtet. Auch in den Begegnungen mit den kleinen Herden mit durchschnittlich zehn bis 15 Tieren galt ein Großteil meiner Aufmerksamkeit stets dem Verhalten der Tiere. Herdenverhalten, was macht die Leitkuh, wie verhalten sich die Bullen in und am Rand der Herde? Der Katalog der Aufmerksamkeiten war lang. Ohrenspiel, Körperspannung, scheinbare Futteraufnahme, wie sie von anderen Wildtieren bei der Beobachtung möglicher Feinde eingesetzt wird, Atmung, Kopfschütteln oder gar zorniges Schnauben, dass ich zum Glück nur in der Begegnung rivalisierender Bullen zu hören bekommen habe und viele kleine Faktoren mehr, sorgten in allen Begegnungen mit den Herden zumindest für eine gefühlte Sicherheit für beide Seiten. Weder wollte ich zu Schaden kommen, noch den Tieren unnötige kräftezehrende Reaktionen bescheren. Zu kurz ist die Zeit, in der die Moschusochsen in der aktiven Vegetationszeit von etwa Mai bis Oktober Gewicht zulegen und sich so auf den langen Winter vorbereiten können. Bleibt den Kühen hier eine Zeitspanne von etwa vier Monaten, ist diese für die Bullen durch die kräftezehrenden Brunftkämpfe noch kürzer.

Ausgewachsene ältere Leitkühe führen die kleinen Herden.

Ganze vier Monate haben die Kühe im Jahr Zeit, Gewicht zuzulegen. Bullen bleiben nur etwa zwei Monate, um für den Winter Reserven aufzubauen.

Ende August, Anfang September beginnt die etwa vier Wochen dauernde Brunft, in der die Bullen sich einem Spiel hingeben, das einen tödlichen Ausgang nehmen kann, wenn sie mit zu geringen Gewichtsreserven in den Winter gehen. Um wieder Gewicht aufzubauen, ist in dem dann zur Verfügung stehenden Futterrangebot zu wenig Eiweiß enthalten. Das rohfaserreiche Spätherbst- und Winterangebot aus Weidenknospen und Trieben, kleinen Fjellbirken, Rentierflechten und trockenen Gräsern reicht nur als Erhaltungsfutter. Ein besonderer Grund also, nicht nur die eigene Sicherheit, sondern auch die der Moschusochsen zu beachten. Ich begrenzte daher meine Störungen der Gruppen auf ein Minimum und behielt trotz der teilweise über das übliche Maß hinaus gehende Nähe genügend Achtung und Respekt, um selbst nicht Ziel eines Angriffs zu werden.

200 Meter Abstand empfehlen Nationalparkverwaltung, Touristeninformationen und Führer. Besucher des Dovrefjells dürfen sicher sein, dass diese Empfehlung zum Wohl der zweibeinigen Gäste ausgesprochen ist. Die Begegnung mit einem wütenden Moschusochsen schadlos zu überstehen, dürfte von einer gehörigen Portion Glück und olympiaverdächtiger Kondition abhängig sein. Auch der im Oktober bereits eingeschaltete „Energiesparmodus“ der wehrhaften Hornträger ist keine Garantie für das friedvolle Verhalten, mit dem die zotteligen ziegenartigen Wiederkäuer in der Regel aufwarten. Kritische Spannungsmomente können nicht nur völlig unersichtlich, sondern beim Blick auf die Jahreszeiten besonders im späten Frühjahr wenn die Kälber geboren werden und in der Paarungszeit im August-September entstehen. Besorgte Muttertiere können ausgesprochene Verteidigungsbereitschaft zeigen und Bullen in der Brunft dürfen mit gesundem Menschenverstand betrachtet als unberechenbar angesehen werden. In der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung stand, erinnere ich mich an Momente, in denen umherstreifende Bullen zu den Gruppen gestoßen sind und sofort den Kampf mit den vorhandenen Bullen suchten, für Unruhe in der Gruppe sorgten und mich irritiert zur Kenntnis nahmen. Momente, die auch für mich als nicht ganz unerfahrener Beobachter nur schwer einzuschätzen waren und meinerseits für einen geordneten Rückzug als erste Wahl sprachen. Die Begegnung mit dem Alten am Rand des Fjells wurde in der Dämmerung zu einer kaum berechenbaren Situation, als fast lautlos ein starker mittelalter Bulle aus den Wachholderbüschen einer kleinen Bergfalte auftauchte und den Alten sofort mit gesenktem Kopf heran stürmend annahm. Ich war froh über die Deckung der beinstarken Birken, zwischen denen ich meinen Platz eingenommen hatte und so das Geschehen recht sicher beobachten konnte. Ungewollte Begegnungen konnte ich mehrfach nur durch die ständige Beobachtung des Geländes vor mir und dem Folgen übersichtlicher Geländestrukturen verhindern.

Der Winter auf dem Fjell kann hart werden. Bei Tiefschnee wird die Nahrung knapp. Dann zählen Reserven, die dieses Rentier unter Umständen nicht hatte.

Der Winter auf dem Fjell kann hart werden. Bei Tiefschnee wird die Nahrung knapp. Dann zählen Reserven, die dieses Rentier unter Umständen nicht hatte.

Zeit und Ruhe haben sich hier bewährt. Hinter jedem größeren Felsen und in jeder kleinen Geländefalte können Besucher unverhofft nur wenige Meter vor den Moschusochsen stehen. So genannte Übersprunghandlungen der Tiere sind dann durch den Schreck bedingt vorprogrammiert. Auch unachtsames Annähern an eine Gruppe kann Angriffssituationen heraufbeschwören. Den Moment, als am fünften Tag auf dem Rückweg vom Fjell nur wenige Meter vor mir ein alter Bulle regungslos in der Dämmerung stand, werde ich nicht vergessen.

Begegnungen im Dunkeln sind mit Vorsicht zu genießen.

Begegnungen im Dunkeln sind mit Vorsicht zu genießen.

Leises Ansprechen und ein vorgetäuscht gelassener Schlenker in Richtung einer nahe stehenden Birkengruppe entspannten die Situation auch dieses Mal. Die unerwartete Begegnung blieb jedoch als Mahnmal zu erhöhter Aufmerksamkeit haften. Warum der lange Ausflug in die möglichen Gefahren? Es sind Menschen durch Moschusochsen zu Tode gekommen! Mit einem Gewicht zwischen rund 300 Kilo bei den Kühen, bis über 400 Kilo bei den Bullen, einer Geschwindigkeit von bis zu etwa 60 Stundenkilometer, dolchartig spitzen Hörnern und steinharten Hufen, sind die Moschusochsen ausgesprochen ernst zu nehmende Wildtiere, wenn es zu Angriffssituationen kommt. Die Freude an der Begegnung mit den Wesen, die es geschafft haben von der letzten Eiszeit bis heute über die nordischen Fjells und winterlichen Hochebenen zu ziehen, sollte eine ungetrübte bleiben, meint auch Head Guide Jens Erixon aus Dombas. 17 Jahre begleitet der erfahrene Führer bereits Besucher auf das Dovrefjell und sorgt für Begegnungen, die auch ohne Angriffe und spannungsgeladene Wettläufe unvergesslich bleiben. Meine Beobachtungen, die ich in nur 14 Tagen machen konnte, sind unvollständig. Viele Schlüsse aus den beobachteten Verhaltensmustern stammen aus der Beobachtung anderer Rudel bildender Paarhufer und dem Kontakt mit Wildtieren von Kindesbeinen an. Keinesfalls sollen die Zeilen über die faszinierenden Moschusochsen auch nur einen Leser zu Leichtsinn heraus fordern oder einen falschen Eindruck erwecken. Bestenfalls soll das Teilen meines Besuches bei den Moschusochsen eine Einladung an Interessierte sein, sich selbst auf den Weg zu machen, auf einem kleinen Stein am Rand eines Baches auf dem Dovrefjell Platz zu nehmen und einen unvergesslichen Blick auf eine der letzten frei lebenden Großwildarten im Norden Europas zu werfen.

Ein wenig Geduld belohnen die Moschusochsen mit unvergesslichen Momenten.

Ein wenig Geduld belohnen die Moschusochsen mit unvergesslichen Momenten.

Anreise: Als Anreiseweg zum Dovrefjell-Sunndalsfjell Nationalpark empfiehlt sich die Vogelfluglinie über die Insel Fehmarn und von dort mit der Fähre Puttgarden-Rödby (Überfahrt etwa 45 Minuten) . Nach der rund 250 Kilometer langen Fahrt über die Insel Seeland geht es mit der Fähre von Helsingborg nach Helsingör (Überfahrt etwa 20 Minuten). Über Göteborg führt die Fahrt rund 850 Kilometer der Europastraße E6 folgend bis nach Dombas, einem der Ausgangspunkte für Touren in den Nationalpark. Eine Alternative ist die Fährfahrt über Nacht von Kiel nach Göteborg. Von Göteborg aus sind es noch etwa 630 Kilometer bis Dombas. Hier warten auch erste Informationen im Nationalparkzentrum in der Ortsmitte. Unterkünfte stehen ganzjährig nach individuellem Geschmack sowohl in Dombas, als auch rund 20 bis 40 Kilometer der E6 folgend am Rand des Dovrefjells zur Auswahl. Ein Anlaufpunkt kann der Campingplatz Furuhaugli sein, der sowohl über einfache, als auch geräumige und gut ausgestattete Hütten mit Wohn- und Schlafräumen und eigenen Sanitäreinrichtungen verfügt. (www.furuhaugli.de ) Weitere Gasthäuser und Campingplätze liegen die E6 aufwärts. Hüttenpreise liegen im Schnitt je nach Größe und Saison zwischen 350 und 550 norwegische Kronen. Ein Ansprechpartner für geführte Touren ist Head Guide Jens Erixon von Mountain Adventures.no aus Dombas (Telefon: +47 80 – 40553077). Ausrüstung: Im Sommer und Herbst von Juni bis etwa Ende September sind feste Wanderschuhe, Rucksack und Regenbekleidung, sowie ein kleiner Rucksack zur Aufnahme von Tagesverpflegung und Getränken oder auch einer normalen Kamera zu empfehlen. Geführte Touren dauern etwa fünf Stunden und sind mit normaler Kondition zu bewältigen. Ohne Führer sind Karte und Kompass sinnvoll, wenn die Tour weiter in die Berge führen soll. Im Spätherbst und Winter sollten feste Bergschuhe, Gamaschen, windabweisende und warme Kleidung zum Wechseln, ein Rucksack mit größerem Volumen und Tragekomfort neben Karte und Kompass zur Grundausstattung zählen. Ein Fernglas kann sinnvolle Dienste bei der Geländeübersicht und Sichtung der Tiere leisten. Bei Tiefschnee haben sich Schneeschuhe bewährt. Das Wetter in den Bergen kann schneller umschlagen, als der Rückweg zu bewältigen ist. Eine Anfrage nach dem örtlichen Wetterbericht kann vor unliebsamen Überraschungen schützen.

Quellen und Unterstützung vor Ort: Norwegisches Fremdenverkehrsamt, Nationalparkverwaltung Norwegen, Head Guide Jens Erixon – Einblicke in das Leben und Verhalten der Moschusochsen, Inger Lise und Stein vom Campingplatz Furuhaugli – Tipps, Kontakte und Unterbringung.

Vorläufiger Abschied vom Dovrefjell

Vorläufiger Abschied vom Dovrefjell

Vorbereitung: Danke an dieser Stelle auch an: Dirk und Knut Dade von „Sack & Pack“ aus Neumünster, die bei der Auswahl der Ausrüstung ihre Outdoorerfahrung weiter gegeben haben. Achim Banck von Fotostudio Banck aus Schillsdorf für den Erfahrungsaustausch in der Fotografie und Timo Jahnke, der die Programmierung von blickpunkt-sh.com realisiert hat.

Moschusochsenherde im winterlichen Flusstal

Moschusochsenherde im winterlichen Flusstal

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